Nicht nur der Film Gainsbourg war interessant
Er war exzentrisch und eigenwillig und der wohl schillernste Künstler Frankreichs. Seinem Charme erlagen die Schönheiten, die von anderen nur aus der Ferne begehrt wurden. Juliette Gréco, Brigitte Bardot und natürlich Jane Birkin, mit der er sein weltberühmtes Duett „Je t’aime“ zum Besten gab. Allerdings benötigte er nicht annähernd so viele Trauringe, wie man vielleicht denkt, denn Gainsbourg war nur zweimal verheiratet. Einen Trauring erhielt auch Jane Birkin. Aus dieser Ehe ging Charlotte Gainsbourg hervor, die heute selbst eine erfolgreiche Schauspielerin ist und im Laufe ihrer Kindheit Teil des einen oder anderen Skandals war, für die Serge Gainsbourg ebenso berühmt wie berüchtigt war. Erst im Alter von dreißig Jahren fand Serge Gainsbourg zum Chanson. Die Jahre, die bis zu seinem Tod folgten, waren aufregend und stilprägend für ein ganzes Musikgenre. Serge Gainsbourg starb schließlich im März 1991 an den Folgen eines Herzinfarktes. Er hinterließ nicht nur gebrochene Herzen, sondern auch zeitlose Lieder und Chansons.
Gainsbourg – Der Mann, der die Frauen liebte
Das bewegte Leben des französischen Sängers und Schauspielers war geradezu dafür prädestiniert, um verfilmt zu werden. Der französische Comiczeichner Joann Sfar nahm sich dieser Aufgabe schließlich im Jahr 2010 an und schuf einen Film, der bei Kritikern und Publikum gleichermaßen gut ankam. Nominiert wurde er für acht Césars. Insgesamt erhielt er dann drei dieser französischen Oscars. Besonders die weiblichen Hauptrollen sind hochkarätig besetzt. So durften Laetitia Casta als Brigitte Bardot, Lucy Gordon als Jane Birkin, Sara Forestier als France Gall sowie Anna Mouglalis als Juliette Gréco ihre neuesten Schuhe auf dem roten Premierenteppich präsentieren. Der eher unbekannte Schauspieler Éric Elmosnino übernahm die Titelrolle und wurde für seine ausgezeichnete Darstellung des skandalträchtigen Frauenhelden Gainsbourg mit einem César belohnt. Auch der Film selbst erhielt einen César, allerdings nicht als bester Film, sondern „nur“ als bestes Erstlingswerk.
Ein filmisches Denkmal für Serge Gainsbourg
Regisseur Joann Sfar setzt Gainsbourg in seinem Film ein Denkmal. Kein Wunder, spricht Sfar doch immer davon, dass Gainsbourg eines seiner großen Idole sei. Seinen Hintergrund als Comiczeichner kann Joann Sfar nicht verleugnen und will das auch gar nicht, denn immer wieder garniert er seinen biografischen Film mit stimmungsvollen Einlagen aus dem Bereich der Fantasie. Auch Comicfiguren tauchen hin und wieder einmal auf, sodass der Zuschauer im Kinosessel förmlich darauf wartet, dass eine dieser gezeichneten Figuren auch aus einer Dunstabzugshaube auftaucht. Das passiert aber natürlich nicht, denn Dunstabzugshauben haben in einem Film, der die wilden sechziger und siebziger Jahre in Frankreich thematisiert nun wirklich nichts verloren. Der Einsatz dieser comichaften Elemente mag anfangs vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig erscheinen, stört aber mit der Zeit nicht mehr und passt im Nachhinein betrachtet eigentlich ganz gut in diesen Film.
Spielerische Annäherung an einen skandalträchtigen Exzentriker
Regisseur Joann Sfar sieht seinen Film weniger in der Tradition des „cinema de qualité“ sondern wendet sich vielmehr der Nouvelle Vague und ihrer spielerischen Experimentierfreude zu, wie auch an den oben schon erwähnten Comic- und Fantasieeinlagen zu erkennen ist. Natürlich folgt der Film oberflächlich gesehen den wichtigen Stationen im Leben des Sängers und Frauenhelden. Eine konventionelle Biografie möchte man also meinen. Dem ist aber nicht so, denn visuell gesehen zieht Joann Sfar alle Register, die ihm als Comiczeichner und Regisseur zur Verfügung stehen. Surreale Traumsequenzen mischen sich mit Rückblenden und erzeugen so ein bizarres, eigenwilliges und dennoch sehr persönliches Porträt des französischen Sängers.
Dessen Familie musste während der Kriegsjahre Paris verlassen und aufs Land ziehen. Reiseversicherungen gab es damals noch nicht, allerdings war das das kleinste Übel, denn die Familie Gainsbourg war jüdischer Herkunft und musste sich vor den Nazis verstecken. Die Reiseversicherung damals war es also, jemanden zu finden, der einen nicht an die Besatzer verriet. Sfar versucht erst gar nicht, diesen Künstler genauso auf die Leinwand zu bringen, wie er im wahren Leben war. Vielmehr bringt er seine eigene Interpretation der Person Serge Gainsbourg in die Kinos. Sein Gainsbourg ist einmal ein getriebener und verfolgter Künstler, dann der subversive Rebell, ein anderes Mal ein liebender Vater, aber dann wieder auch ein ewiges Kind, das es liebt die Grenzen dessen zu überschreiten, was die Gesellschaft für respektabel und angemessen hält.
Der Frauenheld
Sieht man sich Fotos von Serge Gainsbourg an, möchte man sich durchaus fragen, warum dieser schmächtige Mann mit der großen Hakennase und den abstehenden Ohren Frauen anzog, wie das sprichwörtliche Licht die Motten. Vielleicht besaß Gainsbourg bereits ein Wasserbett. Wasserbetten gab es nämlich schon in den 1960er Jahren, auch wenn sie damals noch nicht sehr verbreitet waren. Allerdings ist das eher unwahrscheinlich, zumal die Frauen, die er begehrte durchaus über die finanziellen Mittel verfügten, um sich ein solches Bett selbst zu kaufen, wenn sie denn eines hätten haben wollen. Was aber sorgte dann für Gainsbourgs Wirkung auf die Frauen? Wer Éric Elmosnino in der Titelrolle am Piano sitzen sieht und hört, wie er mit seiner dunklen Stimme, die nahezu perfekt der Stimme Gainsbourg ähnelt, die Lieder Gainsbourgs interpretiert, weiß, was den Charme und die Anziehungskraft von Serge Gainsbourg ausmachte.
In der heutigen Zeit hätte jemand wie Serge Gainsbourg sicher einen Jacuzzi in seiner Wohnung. Whirlpools waren damals aber nur sehr selten anzutreffen. Andererseits aber sicher nicht schlecht, denn man stelle sich vor, Gainsbourg hätte mehr Zeit in seinem Badezimmer verbracht, als vor seinem Klavier. Wer weiß, wie viele Chansons dann nicht entstanden wären. Allerdings hätte es dann mit Sicherheit auch den einen oder anderen Skandal mehr gegeben und Regisseur Joann Sfar hätte echte Schwierigkeiten dabei bekommen, all das in den 130 Minuten unterzubringen, in denen er die Geschichte in seinem Film erzählt.
Sein Aussehen als Thema des Films
Joann Sfar thematisiert das Aussehen Gainsbourgs immer wieder in seinem Film. Dazu setzt er eine Comicfigur ein, die seinen Hauptdarsteller verfolgt und ihn immer wieder an sein Aussehen und seine jüdische Herkunft erinnert. Diese Comicfigur, ausgestattet mit langen Fingern, einer noch längeren Nase und der unvermeidlichen Zigarette – Gainsbourg war starker Raucher – weist ihm mit rücksichtslosen Kommentaren den Weg, wie es ein Navigationssystem in einem Gebrauchtwagen nicht besser könnte.
Diese Figur selbst ist nichts anderes als die Karikatur eines Juden auf einem Hetzplakat der Nationalsozialisten. Irgendwann steigt sie in einer der vielen surrealen Sequenzen des Films von ihrem Plakat herunter und übernimmt die Verfolgung Gainsbourgs, als hätte jemand eine Detektei mit seiner Beschattung beauftragt. Und auch das Spiel der Darsteller passt zu diesem Comicstil. Die durchweg ausgezeichnet agierenden Schauspieler sind immer etwas comichaft stilisiert. Aber das dürfte wohl am besten zu einem Film über einen Mann passen, der einmal von sich behauptet hat, er wäre wie Micky Maus, weil er große Ohren und einen langen Schwanz habe.
Weniger ist manchmal mehr
Regisseur Joann Sfar bleibt diesem Motto treu und versucht erst gar nicht, sämtliche Begebenheiten, Skandale und Frauengeschichte, die das Leben Serge Gainsbourgs begleiteten, in diesen Film zu packen. Und er tut gut daran, denn einmal abgesehen davon, dass Serge Gainsbourg einfach für zu viele Skandale gut war, ist zu viel nie gut, wie man auch bei Gasgrills sehen kann. Denn wer zu viel Fleisch auf einen Gasgrill legt, wird schnell feststellen, dass alles nur halb gar ist. Genau das verhindert Sfar durch seine Reduktion. So verzichtet er zum Beispiel auch darauf, den Skandal, der sich um den Chanson „Je t’aime“ ereignet hat, zu zeigen, denn den kennt praktisch jeder. Auch die Affäre mit Juliette Gréco ist nicht mehr als eine Fußnote und bei der Beziehung mit Brigitte Bardot greift er auf eine frei erfundene und sehr amüsante Begegnung Bardots mit den Eltern von Serge Gainsbourg zurück.
Ungeordnet und unübersichtlich
Joann Sfar präsentiert dem Kinobesucher einen Film, der durch die fehlenden Chronologie – der Regisseur verzichtet gänzlich auf die Einblendung von Jahreszahlen, die zur Orientierung dienen könnten – bisweilen unübersichtlich und ungeordnet wirkt. Das ist durchaus mit Computern zu vergleichen, denn wie aus vielen chaotisch anmutenden Einzelteilen am Ende ein Computer wird, der funktioniert, so funktioniert auch dieser Film. Denn durch den Verzicht auf eine ordnende Hand mutet er dem Publikum einen Film zu, der genauso unübersichtlich und ungeordnet ist, wie das Leben des französischen Sängers selbst auch.
Aber genau das kann auch zum Problem werden, da der Film somit eine gewisse Vorkenntnis voraussetzt. Hat man diese nicht, kann es durchaus frustrierend für den Zuschauer werden, wenn sich ihm zum wiederholten Male bestimmte Zusammenhänge einfach nicht erschließen. Gemeinsamkeiten mit moderner Kunst oder moderner Architektur, also Immobilien, lassen sich nicht von der Hand weisen, denn auch hier fehlt bisweilen der Blick hinter die Kulissen und auf den großen Zusammenhang. Aber ähnlich, wie die Gestaltung einer modernen Immobilie, lässt sich eben auch das Leben des großen Serge Gainsbourg nicht so einfach durchschauen. Wenn es sich denn überhaupt zur Gänze durchschauen lässt.
Verklärte Realität
Die letzten Lebensjahre des Künstlers stellt der Regisseur verklärter dar, als sie eigentlich waren. Die Skandale, mit denen Serge Gainsbourg bis zu seinem Tod Schlagzeilen machten, fehlen hier fast völlig. Fast so, als versuche Joann Sfar, die Figur des Serge Gainsbourg mit den Zuschauern etwas zu versöhnen. Das kann man mögen, muss es aber nicht, genau, wie man Dirndl mag oder eben nicht. Allerdings muss man dem Regisseur zugutehalten, dass der Film dadurch einfach unterhaltsamer wird und dem französischen Idol die Huldigung zukommen lässt, die es auch verdient hat. Insofern hat Sfar wohl doch so einiges richtig gemacht.